Das Urinal in die Toilette zurückbringen. Die symbolische und die direkte Macht von Kunst und Aktivismus

by Florian Malzacher

In: Dramaturgie. Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft 01 (2016): 5-11.


Kunst ist nicht ein Spiegel, den man der Wirklichkeit vorhält, sondern ein Hammer, mit dem man sie gestaltet. Marx, Brecht, Majakowski… zugeschrieben

Als der Mathematiker und Philosoph Antanas Mockus 1995 Bürgermeister von Bogotá wurde, galt die Stadt als eine der gefährlichsten der Welt, zerstört von Drogen, Verbrechen, Korruption und Machismo. Mockus – das Gegenteil eines professionellen Politikers – hatte seinen Wahlkampf ohne Parteienunterstützung und buchstäblich ohne Budget geführt, immer im festen Glauben daran, dass die Menschen von der Möglichkeit einer anderen Welt überzeugt werden könnten. Als Bürgermeister dann sah er es als seine wichtigste Aufgabe, andere zu ermutigen, ihr Leben mit Selbstvertrauen selbst in die Hand zu nehmen und zugleich das Verantwortungsgefühl für die Gesellschaft, deren Teil sie sind, zu stärken. Er erfand das Konzept der Bürgerkultur – cultura ciudadana: eine Art ziviler Selbsterziehung, basierend auf Spiel, symbolischen Akten und inszenierten Situationen.

Vor allem aber behauptete er: »Wenn ich nicht weiter weiß, dann tue ich, was ein Künstler tun würde.« Strategien der zeitgenössischen Kunst anzuwenden hieß für ihn, Alltagssituationen zu dekontextualisieren, ihnen einen anderen Rahmen zu geben, sie greifbar zu machen. Zugleich erzeugte es ein Gefühl innerer Freiheit, die Fähigkeit, die Dinge in ihrer Komplexität aus der Distanz zu sehen und so Veränderungen zu ermöglichen. Seine Strategie nannte er Subart: Eine bescheidene Kunst ohne symbolträchtigen Anspruch, eine Möglichkeit sich aus der ‚Hochkultur’ zu nehmen, was immer nützlich und in direkte politische Aktion umsetzbar ist.

Seine Maßnahmen als Bürgermeister wurden weltberühmt. Er tauschte Waffen gegen Spielzeug (überzeugt davon, dass die Kinder ihre Eltern unter ausreichend Druck setzen würden), er trug öffentlich ein »Super-Bürger«-Kostüm, um sich einerseits über seine vermeintliche Macht zu mokieren und andererseits zu zeigen, dass in einer Demokratie jeder die Fähigkeit hat, zu regieren und dass Macht immer geteilt werden sollte. Er schnitt ein herzförmiges Loch in seine kugelsichere Weste, demonstrierte damit seinen Glauben an Gewaltfreiheit – und riskierte tatsächlich sein Leben. In den heruntergekommensten Teilen der Stadt gründete er Bibliotheken, in denen man ohne Ausweis Bücher auf Vertrauensbasis ausleihen konnte. Er organisierte Performances an offenen Gräbern, um über Gewalt und Mord zu sprechen. Er feuerte die korrupte Verkehrspolizei und ersetzte sie durch über 400 Pantomimen, in der Überzeugung, dass für Kolumbianer lächerlich gemacht zu werden, abschreckender sei als jedes Bußgeld. Und: er war erfolgreich. Innerhalb von drei Jahren sanken der Wasserverbrauch um vierzig, die Verkehrsunfallrate um mehr als fünfzig und die Zahl der Tötungsdelikte um siebzig Prozent. 63.000 Bürger von Bogotá zahlten freiwillig zehn Prozent höhere Steuern.

Schauspieler, ausgeschnittene Herzen, Performances an offenen Gräbern – all das ist nicht unebdingt gute Kunst nach den Standards unserer ästhetischen Diskurse. Aber wie oft hat Kunst eine solch direkte Wirkung?

Kunst und Politik verbindet immer schon eine intensive Hassliebe. Künstler positionierten oder fanden sich zwischen serviler Gefolgschaft und kritischer Distanz zu den Mächtigen, zwischen konstruktiver Kooperation und glattem Antagonismus. Das empire hat kein Außen, nicht einmal für Künstler, so sehr sich manche auch darum bemüht haben. Selbst das innere Exil exisitiert nur im Verhältnis zur Außenwelt.

Dennoch ist – entgegen eines landläufigen Mantras – nicht automatisch jede Kunst politisch. Engagierte Kunst ist mehr als rein relationale Ästhetik oder Reflexion. Sie bezieht Stellung oder provoziert andere, Stellung zu beziehen. Sie will nicht nur Veränderung; sie will aktiver Teil oder gar Auslöser dieser Veränderung sein. Es ist kein Zufall, dass die künstlerischen Mittel dazu oft in Zeiten sozialer Umstürze entwickelt oder zumindest radikalisiert werden, in Momenten, in denen das Verhältnis zwischen Kunst und Gesellschaft generell an einem Wendepunkt steht: unmittelbar vor und nach dem Ersten Weltkrieg (Dada, Futurismus, Konstruktivismus…), in den 1960ern und frühen 1970ern (Performance-, Konzept-, Installationskunst…) – Zeiten künstlerischer und philosophischer, aber auch politischer Avantgarden.